Metallbaumeister
In den Sand gesetzt: Metallbaumeister Gerhard Drefers, Schwerin
(03/2007) Für einen Auftrag nach Hamburg oder Berlin zu fahren, ist für viele Handwerker aus der Region Alltag. Aber nach Al Ain, mitten in eine Wüstengegend in den Vereinigten Arabischen Emiraten? Auch das gibt es. Der Schweriner Metallbaumeisters Gerhard Drefers hat hier beim Aufbau einer weltweit einzigartigen Fabrik Pionierarbeit geleistet.

Die Fabrik, die »factory« wie sie hier von allen genannt wird, steht in einem rasch wachsenden Gewerbegebiet mitten in der Wüste, vor den Toren der erstaunlich grünen Oasenstadt Al Ain, die zum Emirat Abu Dhabi gehört. Jetzt, im Übergang vom Winter zum Frühling erreichen die Temperaturen satte 25 Grad Celsius. Wer den deutschen Winter gewohnt ist und hier einige Zeit in der prallen Sonne herumsteht, findet das schon recht heiß.
Gerhard Drefers hat bis vor kurzem noch hier gearbeitet. Sechs Monate lang, den ganzen Sommer über. Völlig schutzlos der Sonne ausgesetzt, wird er nie wieder vergessen, wie sich 70 Grad Celsius anfühlen. Aber wie soll man einen 16 Meter hohen Stahlturm im Schatten in die Wüste bauen? Eben.
Im normalen Alltag, der ihn nun erst mal wieder hat, führt der 43-jährige Handwerksmeister einen über 100 Jahre alten Betrieb in der vierten Generation. Ehefrau Petra kümmert sich mit ruhiger Umsicht um alles Kaufmännische. Die acht Mitarbeiter, auch die Lehrlinge, müssen spuren. Denn der Chef verlangt Leistung und Qualitätsarbeit. Aufträge findet er für den Betrieb überwiegend in Hamburg, fertigt und montiert zumeist Geländer und Balkone für Wohn- und Geschäftsgebäude.
In sein hektisches, bis dato aber noch wenig ungewöhnliches Mecklenburger Betriebsleben funkt Anfang 2006 der Anruf eines Bauunternehmers, der Gerhard Drefers Arbeiten gut kennt. Er erzählt von einem Projekt in den Vereinigten Arabischen Emiraten, für das ein richtig guter Stahlbauer gebraucht wird. Einer, der sich was traut.
Es kommt zu ersten Telefonaten mit dem Projektmanager, bald darauf folgt eine Einladung. Ohne zu zögern setzt sich Gerhard Drefers mit Ehefrau Petra in ein Flugzeug nach Dubai, von dort geht es mit dem Auto 140 km durch die Wüste nach Al Ain. Von hier aus kann man fast in den benachbarten Oman gucken. Die beiden bleiben eine Woche in der Villa ihres Gastgebers, sind fasziniert, manchmal auch irritiert von der fremden Lebensart, genießen die Wärme und die eigentümliche Schönheit der Wüste. Zurück in Schwerin, hat Gerhard Drefers 14 Tage später den Auftrag in der Tasche.
Er ist nicht der Typ für kalte Füße. Andere hätten die sofort bekommen, wenn sie erfahren hätten, worum es hier überhaupt geht. Er soll die weltweit erste Produktionsanlage für ein weltweit einzigartiges, bisher nie da gewesenes Produkt mit aufbauen. Es gibt nichts Vergleichbares, keine Vorbilder. Es gibt keinen Ort auf dieser Welt, wo er sich anschauen kann, wie so etwas aussieht, denn all das gibt es einfach noch nicht. Diese Pionierleistung ist es, die ihn mehr als alles andere herausfordert. So eine Chance kommt vielleicht nie wieder.
Denn das, was in der »factory« produziert werden soll, ist einfach sensationell. Den Rohstoff gibt es rund um die Produktionsstätte in unendlichen Massen. Der sehr feine, ungewöhnlich rötliche Sand, der so angenehm weich durch die Hand rieselt, ist der perfekte Ausgangsstoff für die neuartige Entwicklung mit dem Namen »hydrophobic sand«. Durch Zugabe eines flüssigen Additivs wird aus normalem Sand ein absolut dichtes Bollwerk gegen Wasser und zugleich ein Schwamm, der Öl aufsaugt.
Mit diesem Produkt kann zum Beispiel Grundwasser vor Kontaminierungen geschützt oder der langfristig leichtsinnige Wassereinsatz in der Landwirtschaft und bei der Grünflächenerschließung in Wüstenstaaten radikal reduziert werden. Aber auch Europa sollte einen interessierten Blick nach Al Ain werfen. Die Bedrohung durch Schiffshavarien, bei denen große Mengen Öl oder Diesel austreten, könnte erheblich an Schrecken verlieren, ebenso wie Hochwasserkatastrophen und Sturmfluten.
Hinter dieser Entwicklung steckt deutsches know how und das Geld von Fahad Mohammed Saeed Hareb. Der weltoffene Sohn eines arabischen Vaters und einer deutschen Mutter hat in Boston studiert, spricht sechs Sprachen perfekt und ist restlos davon überzeugt, dass sein Produkt nicht nur den Mittleren Osten revolutionieren wird. Für Produktion und Vermarktung auch weiterer Innovationen hat er die Desalt Innovation Middle East (DIME) LLC in Dubai gegründet.
Nahezu die gesamte Produktionsstrecke der Fabrik fusst auf den Stahlbauten von Gerhard Drefers. In den sechs Monaten seiner Arbeit in Al Ain setzt er hier eine für hiesige Verhältnisse gigantische Stahlkonstruktion in den Wüstensand. Einiges bereits vormontiert und geschweißt, lässt er mehr als 50 Tonnen Stahl nach Dubai verschiffen, bevor er sich mitten in der Wüste an den Aufbau macht. Den Betrieb in Schwerin legt er in dieser Zeit in die Hände von Ehefrau Petra, verlässt sich voll auf sie und bewährte Mitarbeiter.
In Al Ain muss er mit einer ganz anderen Belegschaft zurechtkommen, einer bunt gemischten Truppe aus meist indischen und pakistanischen Hilfskräften. Unter seiner Anleitung wächst die Konstruktion Tag für Tag und schon bald ist zu sehen, wie aus den ungelernten Hilfsarbeitern immer geschicktere Handwerker werden. Der Meister kann eben auch in der Fremde das Ausbilden nicht lassen. Er selbst profitiert aber auch: durch immer bessere Englischkenntnisse.
Trotz Hitze, Sandstürmen und anderen Widrigkeiten gelingt Gerhard Drefers mit viel Schweiß, Zähigkeit, Ausdauer und dem Willen zur Höchstleistung eine Arbeit, für die ihm seine Auftraggeber Spitzenleistung bescheinigen. Zur guten Bezahlung kommt, für Deutschland eher ungewöhnlich, als Ausdruck der Wertschätzung eine teure Luxusuhr hinzu. Der Auftrag ist aber nicht nur einmalig lukrativ. Die Planungen für weitere »factories« in den Emiraten und in anderen Ländern im Mittleren Osten zeigen: Er kann wieder dabei sein.
Quelle: NordHandwerk, Ausgabe März 2007. Text: Petra Gansen, Foto: privat
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