Steinbildhauermeister

Sein großes Mädchen: Steinbildhauermeister Bernhard Lincke, Neu Nantrow

(10/2007) Im Bestand von Schloss Sanssouci in Potsdam heißt das Original SK9. Diese Abkürzung steht schlicht für »Skulptur Nummer 9«. Steinbildhauermeister Bernhard Lincke nennt seine 2,70 hohe Neufassung der Sandsteinfigur »Klytaimnestra«, nach einer legendären Schönheit aus der griechischen Mythologie.

Klytaimnestra war die Gemahlin Agamemnons, des Königs von Mykene. Außerdem war sie die Zwillingsschwester der schönen Helena. So kommt die unbekannte Schöne, die ein ebenso  unbekannter Steinbildhauer in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts geschaffen hat, in der Neufassung doch noch zu einem  ordentlichen Namen.
Der gebürtige Dresdner Bernhard Lincke liebt solche Arbeiten. Der Austausch der Statue auf den so genannten »Communs«, den einstigen Wirtschaftsräumen für das Neue Palais, die mit dem mittig gelegenen Triumphbogen den westlichen Abschluss von Park Sanssouci bilden, wurde aufgrund der zunehmenden Zerstörung der Figuren notwendig. Die Metallbefestigungen im Rücken der überlebensgroßen Statuen rosten, dieser Rost dehnt sich aus und droht den Stein zu sprengen. Daher werden die Originalfiguren durch Nachbildungen ersetzt. Die Originale gehen in den musealen Ruhestand.

Um als Steinbildhauer an derartige Aufträge zu kommen, braucht es schon einen sehr guten Namen in der Branche. Bernhard Lincke kann auf jahrzehntelange Meisterschaft in seinem Handwerk mit vielen klangvollen Referenzen, darunter auch mehrfach das Schweriner Schloss, verweisen. »Lieblingsaufträge« gab es dabei aber nicht. »Alles ist immer wieder anders und neu«, lächelt Lincke. »Es ist jedes Mal aufregend, vor allem die Arbeit mit den verschiedenen Materialien. Jeder Stein, jede Arbeit hat immer etwas  ganz Besonderes.«

Klytaimnestras Ausgangsmaterial, ein Cottaer Sandsteinblock aus dem Elbsandsteingebirge, wog 6 Tonnen, als er zu Bernhard Lincke auf den Hof kam. Dem Werkzeug des Steinbildhauers mussten erst einmal volle 3 Tonnen weichen, bevor die grob behauene Figur in die Werkstatt einzog. Als vollendete Skulptur bringt die Schöne nur noch 1,2 Tonnen auf die Waage, der Rest ist Schutt. »Der Cottaer ist ein sehr guter Figurenstein«, sagt Meister Lincke. Er bearbeitet ihn ausschließlich mit Handeisen, mit Fäustel und Knüppel, Maschinen kommen hier nicht zum Einsatz.

Was Bernhard Lincke an seiner Arbeit besonders schätzt? Sie hat, in menschlicher Lebenszeit gemessen, lange Bestand. »Die Brötchen vom Bäcker werden aufgegessen, aber meine Resultate bleiben ein Weilchen«, schmunzelt er. Dieser Hang zum Beständigen motiviert ihn auch, seine Arbeiten zu signieren. Er hinterlässt, sofern es geht, immer ein Namenskürzel und die jeweilige Jahreszahl.

Schließlich soll es den Nachfahren mit seiner Klytaimnestra besser ergehen als ihm mit SK9. Deren Schöpfer wird auf immer ein unbekannter Steinbildhauer bleiben, von dem man nicht weiß, ob auch noch andere Arbeiten von ihm stammen. »Zur damaligen Zeit haben die Steinbildhauer eine Riesenzahl an Figuren für das Neue Palais quasi in Massenanfertigung und in kürzester Zeit gearbeitet«, erklärt Lincke. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum so wenig Wert darauf gelegt wurde, die Statuen zu signieren.


In wenigen Tagen verlässt die Schöne aus Stein die Werkstatt ihres Schöpfers im mecklenburgischen Ort Neu Nantrow. Bernhard Lincke selbst wird sie sorgsam  verpackt in ihrer neuen Heimat Potsdam abliefern. Schließlich hat er ein dreiviertel Jahr mit seiner Klytaimnestra verbracht. Das verbindet.

Quelle: NordHandwerk, Ausgabe Oktober 2007. Text & Foto: Petra Gansen.

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